Der verlorene Sohn

Vor vier Jahren übertrat Bladis Mejía Saraoz im Norden Mexikos die Grenze zu den
USA. Seitdem wartet seine Mutter Cristina auf ein Lebenszeichen oder wenigstens die gesicherte Nachricht von seinem Tod. Ihr ältester Sohn ist einer von Hunderten Migrantinnen und Migranten, die jedes Jahr an der tödlichsten Landgrenze der Welt verschwinden. Freiwillige und Forensiker suchen nach ihnen

Auf einem Hotelbett hat Bladis ausgebreitet, was er bei seinem Marsch durch die Wüste mitnehmen will: eine Rolle Klopapier, Taschentücher, Kopfhörer, Haargel, Schmerztabletten, Wick Vaporub, ein paar Handschuhe mit Camouflage-Print. Er fotografiert seine Habseligkeiten und sich selbst und schickt die Fotos seiner Mutter Cristina Saraoz. Am Abend des 2. April 2020, einem Donnerstag, schreibt Bladis ihr aus der Grenzstadt Sonoyta über Whatsapp:

“Der Typ hat gesagt, ich darf mein Handy nicht anmachen. Ich werde also fünf Tage nicht erreichbar sein.”
“Also erschreck dich nicht”

“Okay, mein Herz. Sobald du kannst, schreib mir”, antwortet sie.
“Bitte pass gut auf dich auf.”
“Auf dem Weg” 
“Wir beten für dich, mein kleiner Sohn”

“Ja Mamita, ist gut”
“Macht euch keine Sorgen”
“Ich verspreche dir, dass es mir gut gehen wird”

Es ist die letzte Nachricht, die Saraoz von ihrem Sohn bekommt. In der Sonora-Wüste, die sich von Mexiko bis weit nach Arizona erstreckt, verliert sich seine Spur.

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Erschienen in der GEO-Ausgabe 07/2024 und auf Spanisch auf dem mexikanischen Portal „A donde van los desaparecidos“.

Die Recherche wurde finanziell durch das Gabriel-Grüner-Stipendium unterstützt.

Zusammenarbeit mit Fotografin Helena Lea Manhartsberger