Die Verschwörungsindustrie

Ein Mann mit Corona-Protest-Schild, auf dem "Coronagate, Pharmagate, Merkelgate, Billgate" drauf steht.
Markus Spiske/Unsplash

Für manche Unternehmer ist Corona kein gefährliches Virus, sondern ein verdammt gutes Geschäft. Crash-Propheten bieten Münzen an. Anwälte locken mit Klagen gegen Virologen. Online-Video-Kongresse spülen Geld in die Kasse.

Eine Reise zu den Heilsbringern der Krise

Die Augen des Anlageberaters leuchten, als käme jetzt das, worauf er schon die ganze Zeit gewartet habe. Er hebt sich aus dem tiefen Lederbürostuhl, seine Hand verlässt den Bildausschnitt der Zoom-Konferenz und taucht mit einem funkelnden Objekt zwischen Daumen und Zeigefinger wieder auf: „Canadian Maple Leaf“, sagt er. Eine „Feingoldmünze“, etwa 1.700 Euro wert. Auch Sammlerstücke und eine „Schatzkiste“ für die kleinen Münzen präsentiert der Mann jenen, die sich von ihm in Sachen Geldanlage beraten lassen.

Der Berater ist Edelmetallverkäufer im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen. In seinem blau-weiß gestreiften Hemd wirkt er harmlos wie ein Versicherungsvertreter. Jemand, der etwas anbietet, das man annehmen oder auch ablehnen kann. Doch was er mit ruhiger Stimme referiert, ist nicht ganz so harmlos. Er spricht von „manipulierten Goldkursen“, von einer „in absehbarer Zeit platzenden Blase“ und einem Börsenkurs, der sich dann wieder am Goldwert orientieren werde. Schließlich könnten „die“ ja „nicht unendlich viel Geld drucken“, der Tag X richte sich auch danach, wie lange „das mit dem Corona­gemache noch weitergeht“.

All das macht dem potenziellen Kunden vor allem eines: Angst. Es ist dieselbe Sorte Angst, wie sie die An­hän­ge­r:in­nen der Coronaprotestbewegung spüren: vor der großen Katastrophe, dem Crash, der über sie gebracht wird. Und weil sich mit dieser Angst gut Geschäfte machen lässt, haben Un­ter­neh­me­r:in­nen aller Couleur die Bewegung als Geschäftsfeld entdeckt: Sie sammeln Spenden für dubiose Sammelklagen oder auch den eigenen Lebensunterhalt, verkaufen Kaffeetassen „für Freidenker“ und Jacken „für Frieden“, Seminartickets, Bücher oder eben Goldmünzen.

Auf die Frage, was der Edelmetallberater mit „Coronagemache“ meint, schiebt er schnell nach, er sei kein Coronaleugner, das Virus existiere ja, „aber es sei klar erkennbar“, dass „gewisse Ziele, die gesetzt wurden“, durch die Folgen der Pandemie besser umgesetzt werden könnten. Wie zum Beispiel die „Abschaffung des Bargeldes“. Er entkräftet: Er wisse, dass das ein wenig nach Verschwörungstheorie klinge. Aber er sehe in den Theorien um angebliche Seilschaften von Bill Gates und „den Rothschilds“ ein „Fünkchen Wahrheit“.

Titel-Geschichte in der taz.die tageszeitung vom 18.03.2021 mit Christian Jakob, erschienen im Rahmen des Rechercheprojekts Europe’s Far Right. „Text der Woche“ ausgewählt von Robert Hofmann im Auftrag von Reportagen FM.

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