Hilfe oder Henkerstrick?

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Foto: Nora Belghaus

Mikrokredite bieten Frauen einen Weg aus Abhängigkeit und Armut, heißt es. In Bolivien aber gilt das längst nicht für alle.

Mit leerem Blick und krummem Rücken starrt Tatiana Quispe* auf den Boden. Die kräftige Frau, 43 Jahre alt, zwei geflochtene Zöpfe, ausladender Faltenrock, sitzt auf einem winzigen Klapphocker. Etwa 25 Zentimeter trennen sie von dem Ruß- und Staubbedecktem Großstadtboden. Hinter ihr rauschen Autos und Minibusse vorbei, vor ihr drängen sich Männer und Frauen durch die enge Passage, die zwischen Quispe und der nächsten Hauswand bleibt. Um sie herum eine Kakophonie aus Kindergeschrei, Hundegebell und Hupenlärm. Nur sie scheint still, wie eingefroren, an ihrem Arbeitsplatz, auf einem Quadratmeter Bürgersteig, in einem Geschäftsviertel von Boliviens Hauptstadt La Paz.

Vor Quispe stehen zwei randvolle Tragetaschen. Darin in Plastik verpackte Trockenware: Pulvermilch, Nüsse, Zucker, Mehl. Die bietet sie zum Verkauf. Sie hätte ein Tuch dabei, um sie darauf auszubreiten, aber Quispe ist auf der Hut. Das Ordnungsamt könnte jeden Moment auftauchen, dann muss sie rennen. Eine Stammkundin bleibt stehen, Quispe kramt eine Packung Kekse aus der Tasche. Am unteren Rand eine rote Aufschrift:„Verkaufen verboten“.

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