Von Klinkerkindern und Friedhofsjungen

Nora Belghaus_Kinderarbeit_Bolivien_Reportage_Longread_taz_Sozialreportage
Foto: Nora Belghaus

2014 erließ Bolivien erstmalig auf der Welt ein Gesetz, das arbeitenden Kindern mehr Rechte zusprach. Internationale Gremien zeigten sich empört. Fünf Jahre später wurde die Regelung wieder gekippt. Was bedeutet das für die Kinder?

Wenn Edgar Esquivel seine Augen öffnet, geht hinter den Bergen gerade die Sonne auf. Er braucht keinen Wecker, denn er steht jeden Morgen zur selben Zeit auf. Edgar zieht sich an, isst seine Nudelsuppe. Dann bricht er auf. Er wird erst zurückkommen, wenn die Sonne gerade wieder hinter den Bergen verschwindet. Alles wird staubig sein, sein Rücken schmerzen. Edgar wird hunderte Lehmziegel in einem Ofen gestapelt haben. Es ist der Teil, den er am wenigsten mag, wenn er Backsteine herstellt. Weil er am anstrengendsten ist. Noch anstrengender als das, was vor ihm liegt. Mit seiner Mutter wird er bald den Ofen anfeuern und rund um die Uhr alle halbe Stunde Holz nachlegen, damit die Ziegel gleichmäßig gebrannt werden. Drei Wochen lang.

Edgar ist „Ladrillero“, ein Ziegelbrenner, ein Klinkerkind. Mit sechs fing er an zu arbeiten. Erst half er nur der Familie bei der Ernte, dann nahm ihn der Vater mit in eine Schnurfabrik. Mit 15 übernahm er den Ziegelofen in der Nachbarschaft. Heute ist er 17, der Älteste von acht Geschwistern. So wie Edgar müssen nach Schätzungen von NGOs über 700.000 Kinder und Jugendliche in Bolivien arbeiten, dem Land, das als das Ärmste Südamerikas gilt. Sie putzen Schuhe, verkaufen Kaugummi, ernten Zuckerrohr, mahlen Gesteine in den Minen der Silberberge. Die meisten tun es, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Weil ihre Eltern zu wenig verdienen, um sie und ihre Geschwister zu ernähren. Weil es dem Staat nicht gelingt, ihnen eine Lebensgrundlage zu bieten, die ihnen eine Wahl ließe. Und weil die Gesellschaft es akzeptiert.

Weiterlesen auf taz.de

PDF